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Galerie für Zeitgenössische Kunst
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Öffnungszeiten
Di-Fr 14:00-19:00
Sa-So 12:00-18:00
Beide Ausstellungshäuser sind barrierefrei.

Eintrittspreise
GfZK-1, GfZK-2: 5€/3€
GfZK-1 + GfZK-2: 8€/4€

Dorit Margreiter
ANALOG

02.09.2006 - 15.10.2006

Kuratiert von Julia Schäfer

In >Analog< sind Dorit Margreiters Auseinandersetzungen mit Architektur und Setting versammelt. Es geht darum, was diese jeweils versinnbildlich(t)en und wie sie ihre Nutzungen finden. Die Ausstellung gliedert sich in drei gleich große Raumsequenzen.

Im Zentrum der ersten Arbeit gleich zu Beginn steht ein spätmodernistisches Haus des Architekten John Lautner, „10104 Angelo View Drive“ (2004). Es folgen mehrere Werkgruppen, die dicht nebeneinander den ersten und den dritten Teil der Ausstellung verbinden. Hier fokussiert die Künstlerin, die zwischen Europa und Amerika pendelt, Effekte des Künstlichen in Film und Kommerz. Die Leipziger Arbeit „zentrum“ (2006) bildet den Abschluss des Rundgangs. Sie zeigt Margreiters Versuch, das Erbe der sozialistischen Moderne – respektive deren Leuchtschrift - zu reanimieren. Alle Arbeiten verbindet das Interesse an Medienbildern aus den Printmedien, aus Film und Entertainment. Die Künstlerin untersucht den Einfluss dieser Bilder auf das kollektive und individuelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Sie fragt, auf welche Weise sie Identifikationen schaffen oder verhindern bzw. auf welche Weise sie erst Realität produzieren.

Im Mittelpunkt der für das MUMOK in Wien 2004 konzipierten Film-Installation „10104 Angelo View Drive“ steht ein spätmodernistisches Einfamilienhaus des amerikanischen Architekten John Lautner, das in zahlreichen Hollywood-Produktionen als Schauplatz und Herberge des „Bösen“ dient. Margreiter hinterfragt die Konventionen der filmischen Repräsentation, sie porträtiert beobachtend in fixen Kameraeinstellungen das sich bewegende Haus, z.B. den per Knopfdruck aus einem Granitblock herausfahrenden Fernseher oder verschiebbare Dächer und Fenster. Gleichzeitig inszeniert sie unerwartete Formen der Nutzung bzw. des sozialen Miteinanders im Gebäude selbst: Dokumentarische und fiktionale Filmelemente mischen sich mit einem sekundenweisen Aufblitzen der feministischen Performancegruppe Toxic Titties, die skurrilen Handlungen nachgehen. Margreiter projiziert den 16-mm-Film auf eine dreiteilige einfache Stellwand, die kurz zuvor noch Ausgangspunkt für das d/o/c/k/-Projekt zum Thema Raum und Raumvermittlung an der HGB Leipzig war, für das Studierende eine Serie von Präsentationen erarbeiteten.

Die nächste Raumsequenz der Ausstellung beherbergt sieben verschiedene Arbeiten, die dicht nebeneinander zu einer Art Wunderkammer oder auch Kern der Ausstellung werden:

In der Diaserie „Gescheitertes Modell eines geschlossenen Systems“ (2006) untersucht Margreiter das US-amerikanische Experiment einer Anfang der neunziger Jahre künstlich geschaffenen Biosphäre, die autark von unserer Atmosphäre das Überleben erprobte, jedoch scheiterte: medial gefeiert und real in seiner Künstlichkeit geplatzt. Der Projektor selbst wird unter der Plexiglashaube zum Beobachtungsobjekt, der projizierend einen Illusionsraum öffnet und das Gezeigte als kleine Abbildung an der Scheibe bereits festhält.

Die Arbeit „Original Condition“ (2006) und „Original Condition (Ennis Brown House)“ (2006) setzt sich aus drei Fotografien und einer zwölfteiligen Serie von Inseraten zusammen. Eine Fotografie zeigt ein Stilleben mit Requisiten aus dem ersten „Alien“-Film und Teilen des Ennis-Brown-Hauses von Frank Lloyd Wright (1924), die zweite ein Buch für amerikanische SchauspielerInnen zum Erlernen ausländischer Akzente. Eine dritte Aufnahme zeigt das Ennis Brown Haus selbst. Margreiter untersucht hier die sichtbaren Hinterlassenschaften eines Mythos: der - inszenierten - Moderne mitsamt ihren Weltverbesserungsversprechen. Requisite und Anleitung zum Fake-Akzent wirken in ihrer Isoliertheit seltsam ernüchternd. Die zwölf individuell gerahmten Prints „Original Condition (Modernist Interpretation)“ (2006) zeigen Inserate von Häusern in Südkalifornien, die zum Verkauf stehen. Zum einen sind es Anzeigen von Immobilien so genannter „Celebrity“ Architekten wie etwa Neutra, Schindler und Lautner oder von Häusern, die den Stil jener modernistischen Architekten kopieren und als Verkaufsargument bewerben.

Die schräge Mauer im Raum zitiert eine Wand aus dem Guggenheim-Museum in Las Vegas, für das Rem Koolhaas die Innenarchitektur entworfen hat. Die verkleinerte Replik „Event Horizon“ (2002) setzt der Raumproduktion des Neubaus der GfZK etwas kommentierend entgegen. Im Wissen um den Standort Las Vegas als Entertainment-Hochburg wirkt sich „Event Horizon“ auch auf die Betrachtung der verdichteten Arbeiten des Raumteils Nr. 2 der Ausstellung aus. Ein- und Ausschlussmechanismen ergeben sich durch ein Davor und Dahinter. Ein Hauch von Stararchitektur im verkleinerten Fake korrespondiert mit mehreren umliegenden Arbeiten sowie eben diesem Ausstellungsraum selbst.

„The She Zone“ (2003/06) ist eine in Videoformat gezeigte Bildsequenz, die sich mit der Konstruktion von öffentlichem Raum in Dubai – respektive den Shoppingmalls dieser für urbane Zukunftsvisionen bekannten Stadt - auseinandersetzt. Mit der Kulturwissenschaftlerin Anette Baldauf nimmt Dorit Margreiter das gescheiterte Projekt einer Shoppingmall „nur für Frauen (she-zone)“ zum Anlass, über die Sehnsucht nach Imagination im öffentlichen Raum, in den unterschiedlichen Malls nachzudenken. Hierbei spielen auch Themen wie Geschlecht und Kommerz eine Rolle.

Zusammen mit der Filmemacherin Rebecca Baron entstand 2006 die Arbeit „Dokument (Global Village Discovery Center)“. Zwei Fotos des Slum-Theme-Parks in Georgia (USA) zeigen den exakten Nachbau eines Slums in Südafrika im Maßstab 1:1. Diese für Sammelspendenaktionen gebaute Inszenierung knüpft an Margreiters Untersuchungen des medialen rekonstruierten Umraums an, der in seiner Simulation zugleich faszinieren, anziehen und auch abstoßen kann.

Der Ausgangspunkt für Dorit Margreiters neue Arbeit in Leipzig, die während ihres Blinky-Palermo-Stipendiums der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen entstand, ist das Verschwinden der sozialistischen Moderne und ihrer ehemaligen utopischen Versprechungen aus dem öffentlichen Bewusstsein. Diese Arbeit bildet den dritten und letzten Teil der Ausstellung. In „zentrum“ (2006) beschreibt Margreiter einerseits die Unmöglichkeit, das Projekt der Moderne wieder zum Leben zu erwecken, während sie andererseits gewisse Errungenschaften der Moderne aktualisiert und sie in unsere Zeit übersetzt. Margreiter entwickelte zwei Blaupausen zum Filmprojekt, das typografisch die für Leipzig typischen Leuchtschriften, die auch auf den Gebäuden am Brühl in Leipzig zu finden sind, dekonstruiert und neu zusammensetzt. Hierbei bildet die Typografie Grundlage für eine neu zu entwickelnde Schrift. Ein Video zeigt das Making-of der Wiederbelebung der schon lange nicht mehr leuchtenden Schrift. Und der von digitales auf analoges 16-mm-Filmmaterial kopierte Film im Kino zeigt eine kurze Schwarzweißsequenz der leuchtenden Brühlzentrums-Schrift, ohne hierbei auf unsere Zeit zu verweisen. Das Filmische verweist auf eine andere Zeit: „Nur Film kann die neue Architektur verständlich machen“ kommentierte Siegfried Gideon 1928 und bezog sich auf Häuser von LeCorbusier und Pierre Jeanneret. Er wollte damit verdeutlichen, dass nur Film ein geeignetes Medium sei, um Gebäude zu dokumentieren und zu beschreiben. Dies ist auch der Ansatz von Margreiters Auseinandersetzung im Medium Film über Architektur zu sprechen. Das ANALOGE wird zum digitalen Fake.

Die von Dorit Margreiter entwickelte Schrift "zentrum", kann hier heruntergeladen werden.

Dorit Margreiter war Blinky-Palermo-Stipendiatin der Ostdeutschen Sparkassenstiftung/Sparkasse Leipzig und der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig 2004/2005.

Die Ausstellung und die Publikation zur Ausstellung konnten mit freundlicher Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Freistaat Sachsen und der Sparkasse Leipzig realisiert werden.

Video Dorit Margreiter - ANALOG

Texte:
Analog (Dorit Margreiter) von Julia Schäfer

Katalog: Dorit Margreiter: Analog

Katalog: againstwithin